2016

27. November 2016 – Shanties – Sea Songs – Salty Dogs


Kurzurlaub im alten Wasserwerk

Mozart schrieb 1776 ein Konzert für drei Klaviere und Orchester für die Gräfin Lodron und ihre beiden Töchter. Die elfjährige Maria Josepha war pianistisch noch nicht so weit, und so bedachte der Komponist sie mit einem einfacheren Klavierpart. Der wurde in den Achtzigern übrigens auch von einem musikalisch ambitionierten Bundeskanzler bewältigt, sogar auf Scheibe verewigt. – Umso bemerkenswerter: im offiziellen Leitbild manch aufstrebender Kommune kommt der Begriff „Kultur“ heutzutage gar nicht mehr vor.

Beim Shanties – Sea Songs – Salty Dogs – Konzert im Alten Wasserwerk am
27. November 2016 waren die musikalischen Parts ähnlich gelagert wie im Tripelkonzert Mozarts. Es gab erste und zweite Offiziere an Bord, um im Bild der Seefahrt zu bleiben, was den positiven Gesamteindruck in keiner Weise schmälerte. Dieter Schaefer, Arno Dinse und Erich Rickmann von der hannoverschen Gruppe „Spätlese“ stellten sich wie gewohnt als ein brillant aufeinander eingespieltes Trio dar. Ihr voller Sound fundiert auf den singenden, warmen Basslinien Erich Rickmanns. Den mächtigen Drive steuert Dieter Schaefer mit Stimmgewalt und variantenreich rhythmisiertem Gitarrenspiel bei und Arno Dinse sorgt per virtuosem Finger-Picking für filigrane Elemente. Mit ihrem unaufdringlichen Akkordeonspiel fügte sich Karin Seitz atmosphärisch in den Gesamtklang ein. Und Werner Preissner gab sich gewohnt engagiert und energiegeladen.



Text: Hans-Jürgen Niemann


5. November 2016 – Liederabend mit Julia Beckert und Hans-Jürgen Niemann


Lieblingslieder

Der Liederabend von Julia Beckert und Hans-Jürgen Niemann im Alten Wasserwerk stand unter dem Motto „Lieblingslieder“. Da drängt sich manchem „It Don’t Mean a Thing If It Ain’t Got That Swing“ auf, jener Jazz-Standard Duke Ellingtons aus dem Jahr 1931. Oder Louis Armstrong: „Es gibt nur zwei Arten von Musik: gute und schlechte“. Oder die beliebte Frage, welche Lieblingsmusiken man mit auf die einsame Insel nehmen würde, wenn deren Zahl stark begrenzt wäre.

Umso überraschender für die Zuhörer war dann die große Bandbreite der Lieblingslieder Julia Beckerts, erstreckte sie sich doch von Mozart, Schubert und Brahms über Operetten- und Musicalmelodien bis zu Popsongs. Und der Swing lag nicht nur bei den Stücken wie „Stuff Like That“ oder „Sing, Sing, Sing“ in der Luft. Auch die Arie „Sagt, holde Frauen“ aus Mozarts „Zauberflöte“ oder Leonard Bernsteins „Somewhere“ aus der West Side Story“ brachten das ausverkaufte Alte Wasserwerk angenehm zum Schwingen. Julia Beckert gelang der Spagat zwischen den einzelnen Stilrichtungen und Musikepochen mit Bravour. Ihr großer Stimmumfang vermochte die unterschiedlichen Stimmlagen mit absoluter Leichtigkeit zu absolvieren. Hans-Jürgen Niemann am Klavier, der auch zwei Solostücke beisteuerte, begleitete die Sängerin sensibel und unterstützend, wie gewohnt.



Text und Foto: Petra Schröter


15. Oktober 2016 – „Don Quixote“ als szenische Lesung mit Musik im Alten Wasserwerk


Beeindruckende Wortgewalt

2002 kürten einhundert namhafte Schriftsteller auf Initiative des Osloer Nobel-Instituts per Abstimmung den großartigsten Roman aller Zeiten. Das erstaunliche Ergebnis: mit einer klaren Mehrheit wurde „Don Quixote“ gewählt. Jener selbsternannte „Ritter von der traurigen Gestalt“ kämpfte gegen Windmühlen und Hammelherden. Ein erfolgloser, irgendwann frustrierter Weltenretter, fernab jeglichen Realitätssinns. – Gibt es hier überhaupt ein komisches Element?

Wenn ja, dann ließ es auch im Alten Wasserwerk während der Warmlaufphase der beiden Akteure auf sich warten. Es entwickelte sich erst im Verlauf des Abends. Zu Anfang vernahm der Zuhörer erst einmal eine leicht psychedelisch angehauchte Introduktion: Oliver Ziegler unterlegte einen Dauerton mit diversen Klängen, die er durch Endlosschleifen, Echo- und Wah-Wah-Effekte verfremdete. Tranceartige Minimal- statt spanischer Gitarrenmusik, etwas an die experimentellen Phasen in Jazz und Pop erinnernd. In diesen Klangteppich hinein begann die Schauspielerin Dorothea Lata ihren Text zu rezitieren. Brillant! Sie ließ die Personen der Handlung in exzellenter Weise lebendig werden, versetzte sich nahtlos und mit großer Leichtigkeit in deren Charaktere, besaß das richtige Timing für Zäsuren und vervollkommnete das Ganze mit einer faszinierenden Gestik und Mimik. Dem Text aus der bearbeitenden Feder von Oliver Ziegler wurde so wahrlich die Krone aufgesetzt. Und die Musik? Zu viele Wiederholungen, zu wenige musikalische Ideen. Vielleicht lag es aber schlicht an der verbundenen Greifhand des Gitarristen, dass er nicht recht überzeugen konnte.



Text: Hans-Jürgen Niemann Foto: Thorsten Schröter


21. August 2016 – Andreas Jäger spielt Casanova


Feuerwerk für die Sinne

Den Freuden meiner Sinne galt mein Leben lang mein Hauptstreben; etwas Wichtigeres gab es für mich niemals“. Entsprechend klang das fürstliche Dinner im ausverkauften Alten Wasserwerk am 21. August 2016 mit Casanovas glühendem Appell ans Publikum aus, die Sinne zu schärfen und das Leben zu lieben. Wozu auch Kochen und Speisen gehören – zumindest, wenn es mit Leidenschaft geschieht. Casanova jedenfalls liebte die Freuden der Tafel, wenn er auch vermutlich lieber die Zeit mit der Köchin zu verbringen suchte, als selbst zu kochen.

Giacomo Casanova war über sein hinreichend bekanntes Image hinaus auch Abenteurer und Diplomat, Hochstapler und Intrigant, Freimaurer und Theologe, Schriftsteller und vieles mehr. Seine Memoiren mit dem Titel „Geschichte meines Lebens“ zählen zur Weltliteratur und sind vor allem kulturhistorisch interessant, behandeln sie doch das gesamteuropäische 18. Jahrhundert. „Am besten studiert man Menschen, indem man reist“. Seine Reisen führten ihn – neben Braunschweig und Wolfenbüttel im Jahr 1764 – in europäische Fürstenhäuser und Metropolen, wo er auf bedeutende Personen seiner Zeit stieß, wie etwa die Päpste Benedikt XIV. und Clemens XIII., Friedrich den Großen oder die Zarin Katharina II. Neben den Herrschern war er auch bei der geistigen Elite Europas geachtet: da Ponte oder Voltaire, der fränzösische Dramatiker Prosper Jolyot Crébillon oder der Maler Anton Raphael Mengs.

Der Braunschweiger Schauspieler, Moderator und Sprecher Andreas Jäger hat aus den Memoiren Casanovas ein vergnügliches Schauspiel inszeniert, ist in die Rolle des Schwerenöters geschlüpft und brachte den Gästen im Alten Wasserwerk die Zeit um 1760 auf anregende Art näher. Dabei verlieh ihm nicht nur sein barockes Gewand Authentizität, auch die formvollendete Sprache und Gestik ließen den Geist das 18. Jahrhunderts greifbar werden, Zeit und Raum vergessen. Zwischen den einzelnen Gängen des formidablen Drei-Gänge-Menüs, kreiert von der Männerkochgruppe des Kulturbrunnens, glänzte Jäger mit stimmungs- und spannungsvollen Monologen, garniert mit „schicklichem“ Humor. „Wer schläft, sündigt nicht – wer vorher sündigt, schläft besser“.



Text: Hans-Jürgen Niemann Foto: Petra Schröter


4. Juni 2016 – Der Liedermacher Siggi Stern feuert ein brillantes Solokonzert ab


Musikalischer Reisebericht im Alten Wasserwerk


Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind …“, diese Bibelstelle wird gern bemüht, wenn nur eine besonders überschaubare Zahl Kirchgänger den Weg in den Gottesdienst gefunden hat. Der wird dann auch gefeiert, denn schließlich geht es um die Botschaft. Ähnlich beim Siggi Stern-Konzert im Alten Wasserwerk, dessen Absage auch angesichts der recht kleinen Fangemeinde zu keinem Zeitpunkt zur Disposition stand. Auch ihm geht es um die Botschaft.

Siggi Stern, der seine Songs und Anekdoten aus einem nahezu unerschöpflichen Fundus zieht, ließ sein Publikum die aufgeräumten Stuhlreihen schnell vergessen. Dem eigenen Leitsatz folgend, „halt’ dich nicht mit morgen auf, lass’ gestern aus dem Spiel“, feuerte er toppräsent ein brillantes musikalisches Feuerwerk ab, interessant dekoriert mit kurzweiligen, bisweilen sehr persönlichen Hintergrundgeschichten, gitarristisch unterlegt in mitreißendem Groove und mit facettenreichen Akkordkreationen und Spieltechniken. Stilistisch bedient sich Siggi Stern einer eindrucksvollen musikalischen Bandbreite: mal blusig, gern reggea-angelehnt, mal balladenhaft oder an Reinhard Mey erinnernd. Viele seiner Lieder befassen sich mit dem hohen Norden Finnlands, als Urlaubsziel in unseren Breiten nicht gerade im Mainstream. Doch Siggi Sterns Songs fungieren als eine Art Reisebericht, produzieren Bilder im Inneren, machen neugierig auf das Unbekannte – und Bekannte, wie „Rosenstock-Baby“ aus seinen Hildesheim-Songs.

Mit seinen CD-Produktionen hat sich Siggi Stern als Singer- und Songwriter bereits über die Grenzen Hildesheims hinaus einen Namen gemacht – und das „Küchenkonzert“ erfunden, denn Küchen haben im Leben des Musikers von jeher eine wichtige Rolle gespielt. „Aus der Küche ziehn Gerüche durch die Luft, Fernwehduft, unterm Käse winken Ananas und Schinken für uns zwei – Toast Hawaii.“, klingt es wohl bald auch aus der Küche im Alten Wasserwerk.

Die Botschaft in einem an Präsenz und Intensität kaum zu überbietenden Konzert ist angekommen.



Text: Hans-Jürgen Niemann Foto: Heinrich Gebhardt


21. Mai 2016 – Ember Sea rockte Kulturbrunnen


Ausverkauft!!!

„Bäm! Ausverkauft!“, jubelte Ember Sea auf Facebook wenige Stunden vor ihrem Konzert am 21. Mai im „Kulturbrunnen“ in Algermissen. Dort rockten die Band um Frontfrau Eva Gerland wieder einmal das Alte Wasserwerk – unplugged, erfrischend, leidenschaftlich. Nicht nur Songs ihres ersten Albums „Nova“ gab es in der Akustikversion. Dabei ließen zum Beispiel die „fliegenden Hände“ von Drummer Enrico Mier auf seiner Cajón ein Schlagzeug an diesem Abend kaum vermissen. Geklatscht, gegroovt und gesungen wurde im Publikum auf engstem Raum und bei tropischen Raumtemperaturen auch zu Cover-Versionen von Depeche Mode, Iron Maden und Rihanna. „Mit zehn Snickers musste ich die Jungs zu ‚Dancing in the dark’ von Rihanna überreden“, verriet Eva Gerland augenzwinkernd. Doch die taffe Lady mit der vielfältigen Stimme weiß sich durchzusetzen. „Als einzige Frau zwischen den Männern habe ich das schnell gelernt“, plauderte sie. Dabei sind ihre Ausstrahlung und weibliche Stimmkraft ganz klar das Schmuckstück der Metal-Band.

Ember Sea sind musikalisch echte Profis. Treibende Rhythmen, melodische Gitarrenriffs sowie gefühlvolle Atmosphären werden ebenso von den Jungs hinter der Frontfrau erschaffen: Stefan Santag (Gitarre), Pablo J. Tammen (Bass), Dirk Marquardt (Gitarre) und Enrico Mier (Drums) heben ihre „Female Fronted“ in Höhen und Tiefen der melodischen Metal-Welt. Die Palette der Melodic-Metaller reicht von balladesken Tönen über leicht Folkiges und eingängig Rockendes bis hin zu härteren und flotteren Songs. „Live sind wir in diesem Jahr nur auf wenigen Gigs zu hören“, erzählte die hübsche Eva ihrem Algermissener Publikum. „Wir sind fleißig am Songwriten und arbeiten intensiv an unserem zweiten Album.“ Für die Gäste und Fans gab es in der schwülen Vollmondnacht gleich zwei Kostproben, unter anderem die Weltpremiere des Songs „Atlantis“. Für Headbangig war es im Wasserwerk am vergangenen Sonnabend zwar eindeutig zu eng, dafür gingen bei der Zugabe die Feuerzeuge an. „Hammer! 1000 Dank für den geilen Abend!“, kommentierte die Band am Ende ihres zweiten Auftritts im Alten Wasserwerk die Party. Eine kleine feine Show, die Lust auf mehr macht. Voll verstärkt sind die Metaller aus Hannover übrigens am 24. September beim Wolfsmond Festival in Wolfenbüttel zu sehen und zu hören.



Text: Ina Schwarz -Freie Journalistin- Photo: Petra Schröter


23. April 2016 – „Totti and Friends“, Jungbrunnen im Alten Wasserwerk


Konzertabend voller Harmonie

Der Verlockung, im Alten Wasserwerk Popmusik der 60er-Jahre und aufwärts geboten zu bekommen, konnte oder wollte sich ein größerer Kreis von Enthusiasten nicht entziehen, vermutlich weil für sie diese Musikepoche ein mehr oder weniger angenehmes Lebensgefühl widerspiegelt. Verloren geglaubte Bilder oder Gefühle erscheinen bisweilen wieder aus der Versenkung, oder man fühlt sich für einen Moment seiner Jugend ein kleines Stück näher. Musik ist eben mehr als Physik, mehr als ein paar Klänge. Sie berührt, ist Heimat.

Musik lebt eigentlich auch vom Wechsel zwischen Harmonie und Disharmonie, für den Zuhörer eher unbewusst. So gerät für den Hardrockfan das gleißende Gitarrensolo, das schließlich im verzerrten, nicht enden wollenden Schlusston sein ruhendes Ziel findet, quasi zum Lebenselixier: Spannung bis zum Zerreißen – Entspannung, wie so oft im Leben. Dass ein Konzertabend auch anders verlaufen kann, gänzlich auf Disharmonie verzichtet und dennoch keine Langeweile verströmt, diesen Beweis traten Torsten Edler, Udo Seibert und Markus Woyciechowski im Alten Wasserwerk an – mit Bravour. Die Band präsentierte sich angenehm unaufgeregt. Torsten Edlers Performance erinnerte etwas an Frontmänner wie Marc Knopfler von Dire Straits oder Eric Clapton: introvertiert, intensiv, in sich hineinhorchend, jedem Ton nachspürend. Stimmlich ist er variabel und passt sich im Timbre und der Vokalbildung erstaunlich gekonnt dem Vorbild an, was besonders eindrucksvoll bei den Cat Stevens-Songs auffiel: vom Altmeister kaum zu unterscheiden. Hier und da hätte man sich den mehrstimmigen Gesang des Originals gewünscht, denn nicht wenige 60er-Jahre-Song leben davon, wie etwa „Lola“ von den Kinks. Udo Seibert und Markus Woyciechowski trugen mit ihrer einfühlsamen Begleitung und ihrem verlässlichen Groove zum positiven Gesamteindruck des Abends bei.

Es war ein Konzert, das rückwärts gerichtet war – nicht im negativen Sinn -, das die musikalischen Schätze der Vergangenheit möglichst original herüberzubringen suchte, das mehr nach Authentizität als nach Neuerungen im Arrangement strebte. Das dankbare Publikum quittierte es mit lang anhaltendem Applaus.



Text: Hans-Jürgen Niemann Foto: Heinrich Gebhardt


12. März 2016 – „Stylo & the 23 Eyes“ im alten Wasserwerk


Beim Blick zur Bühne fragte sich manch Ü-Fünfziger, seit wann denn Cat Stevens seine Haare zum Zopf zusammengebunden hat oder Marc Spitz einen Vollbart trägt.

Dieser Dämmerzustand endete jäh mit dem ersten Ton: Stylos Stimme ist zwar ähnlich sonor wie die des Altmeisters, aber von der Lage her deutlich höher angesiedelt – obgleich unterhalb des Tenoralen eines Neil Young. Irgendwo dazwischen also, mit recht großem Stimmumfang. Von Beginn an ließ der Künstler keinen Zweifel daran aufkommen, dass seiner Solo-Performance im alten Wasserwerk eine bedeutende Karriere als Frontman verschiedener Bands voranging. Mit bemerkenswerter Souveränität und ausgesprochen ausgewogen setzte Stylo seine Stimme in den unterschiedlichen Tonlagen ein, bei Bedarf auch mal dreckig, das amerikanisch geknödelte „r“ gern und inklusive.

Einen Spannungsbogen über zwei Sets zu erzeugen und zu halten, ist für Solisten, egal welchen Genres, eine echte Herausforderung. Das Gelingen setzt nicht nur mehrere Talente, sondern auch deren Beherrschung voraus. Letzteres ließ Stylos Gitarrenspiel eher vermissen, mangelte es ihm doch an Variabilität und Differenziertheit, was angesichts eines langen Konzertabends irgendwann für eine gewisse Ermüdung sorgen kann. So war es eine kluge Entscheidung, auf halber Strecke eines seiner 23 Augenpaare zur Unterstützung auf die Bühne zu bitten: Torsten Grenz, Gitarrist und langjähriger musikalischer Weggefährte. Die beiden Musiker fanden schnell zum harmonierenden Zusammenspiel, gepaart mit sauberem, zweistimmigem Gesang. Die rhythmische Gestaltung der Stücke war klar akzentuiert. Torsten Grenz’ Gitarrensoli blieben stets verhalten und sparsam und sorgten so für neue Klangfarben, wenn auch leider nicht besonders gut ausgesteuert.

Stylos Anmoderationen waren sympathisch und rhetorisch gewandt, fanden allerdings nicht immer den direkten Weg zum Ohr des Empfängers, sondern verhallten im Raum. Die Songtexte und –inhalte blieben für die allermeisten Zuhörer das große Geheimnis des Abends: auf Klangästhetik reduzierter Gesang in englischer Sprache. – Schade eigentlich.



Text: Hans-Jürgen Niemann Bild: Thorsten Schröter


14. Februar 2016 – Der Entertainer Giorgio Claretti verzückt sein Publikum mit Liebesliedern


Märchenhafter Valentinstag im alten Wasserwerk

Ohne Klischees und Stereotypen wäre die Welt um einiges uninteressanter. Das gilt besonders für die, die mit den Italienern und ihrem Land zu tun haben. Denn nicht wenige von ihnen stimmen – zum Glück! Italienisch auf Deutsch geht gar nicht. Zumindest nur sehr begrenzt. Derjenige, der nach eineinhalb Sprachkursen sein Menü im Ristorante gestenreich auf Italienisch ordert, trifft nicht überall den richtigen Nerv. Die Gene lassen sich eben nicht überlisten. Nördlich des Rheins haben schon die alten Römer diesbezüglich kaum Spuren hinterlassen können.

Nun also: „Liebeslieder eines Italieners“. Dargeboten von einem Italiener! Am Valentinstag! Zudem im alten Wasserwerk, das mit seinem von Künstlern und Publikum gleichermaßen geschätzten Charme an diesem Tag quasi zum Piazzetta, zum kleinen zentralen Platz mutierte. Für das anwesende Publikum offenbar genügend Reizwörter, um sich darauf einzulassen. Und sie wurden nicht enttäuscht: der in Wolfenbüttel lebende Pianist, Sänger, Songwriter und Conférencier, Giorgio Claretti, bot ein Feuerwerk seiner Künste – Plural, denn er besitzt viele Talente. Die dynamische Bandbreite von Musik und Sprache bis in den hintersten Winkel auskostend, war er vom ersten bis zum letzten Ton toppräsent. Seine Anmoderationen waren witzig und stilsicher, das Timing stimmte hundertprozentig, auch hinsichtlich der Stimmungswechsel bei der zumeist spontanen Liedauswahl. Keine lähmenden Längen, kein Wort zu viel – entgegen aller Stereotypen. Clarettis Stimme, irgendwo zwischen Paolo Conte und Joe Cocker liegend, bedient sich vieler Facetten, leidvoll und verzagt, kraftvoll am Limit oder italo-amerikanisch-leger. Immer ungeheuer intensiv und engagiert, stets mitten im Thema. Und das selbst, als er das Geheimnis um den Erfolg italienischer Männer bei Frauen lüftete; eine Botschaft, die allerdings das Oval des alten Wasserwerks nicht verlassen soll.

„You are so beautful“, diesen von besagtem Joe Cocker personifizierten, hymnengleichen Song zu interpretieren, gilt als ähnlich gewagt, wie sich Frank Sinatra-Hits zu nähern. Nicht für Giorgio Claretti. Seine lyrischen Stücken sorgten im Publikum fast ständig für den heimlichen Griff zum Taschentuch – geschlechterübergreifend. Überhaupt ließ dieses brillante Konzert Zeit und Raum vergessen. Umso schwerer fiel dann der Schlussakkord – nach zwei Zugaben, als diese überaus kurzweilige Darbietung endete – ohne übrigens jenes „Ich habe fertig“ zu bemühen. Passt nicht ins Klischee.



Text: Hans-Jürgen Niemann Bild: Thorsten Schröter


03.Februar 2016 – Manfred Gerike liest Lachgeschichten


Dass Deutsche keinen Humor haben, gehört zu den hartnäckigen Vorurteilen, die im Rest der Welt kursieren. Aber auch unter den Deutschen selbst, die sich bisweilen lustig machen über den „Spießer von nebenan“, den Arbeitskollegen – es ist immer der andere gemeint, natürlich. Diese nationale Selbsteinschätzung einer Dichter-und-Denker-Nation vermochten weder Wilhelm Busch, noch Loriot oder Heinz Erhardt ernsthaft ins Wanken bringen.

Nun also Manfred Gerike. Ein Hiesiger, ein Harzer Junge, pensionierter Lehrer, mit Gedichten und Geschichten, die autobiografische Züge enthalten, heitere Erlebnisse einer unbeschwerten Kindheit, „Geschichten, die das Leben erzählt“, „Alltäglichkeiten“, mit hohem Unterhaltungswert in Versform zu Papier gebracht. Gerike erzählt vom Schnarcher, der seine Frau schier in den Wahnsinn treibt, von der Modeindustrie, die sich angesichts des allgemeinen Modewahns verschlagen die Hände reibt, vom Brummifahrer, der zum Opfer seines hartnäckigen Navis wird, oder vom Hund, der irgendwann ganz richtig erkennt, dass er und nicht sein Herrchen Chef ist. Die Jugend kommt in seinen Gedichten meist nicht so gut davon. Manche Bemerkung über den Mangel an geistigen Fähigkeiten oder den Überfluss an figürlichen Formen bei der Spezies Schüler und Schülerinnen fiel etwas rüde aus, zumal das Gedicht „Lehrers Nachmittag“ nicht mit der kontrastreichen Selbstironie aufwarten wollte.

Manfred Gerike entwickelt im Verlauf einer Lesung anhand des Feedbacks ein Gespür für das Publikum und gestaltet seine Textauswahl entsprechend flexibel. Das ist ihm im alten Wasserwerk auch gut gelungen. Doch die Vorstellung eines Alleinunterhalters lebt auch sehr vom Timing. So gesehen, konnten die ständige Suche nach dem nächsten Buch sowie das Aufschlagen der richtigen Seite und seine spontane Konzentration auf das Folgende den Fluss einer Lesung merklich verlangsamen.

Insgesamt ein ansprechender, vergnüglicher Abend im alten Wasserwerk.



Text: Hans-Jürgen Niemann Bild: Thorsten Schröter



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