“Chettin’3” und die Kraft von Wort und Musik

 

Das Alte Wasserwerk jenseits vom Mainstream

 

„Denn sie wissen nicht, was sie tun“, der 1955er Kultfilm thematisierte erstmals die tiefen Gräben in Gesellschaft und Familie der USA des Puritanismus. Vor diesem gesellschaftspolitischen Hintergrund wurde der Schriftsteller William S. Burroughs, ein Gentleman-Junkie mit Havard-Abschluss, Mitte der 60er-Jahre zum Identifikationssymbol einer Jugendkultur, die sich gegen Krieg, Konsumgesellschaft und konventionelle Lebensformen auflehnte. 1943 lernte er die Schriftsteller Allen Ginsberg und Jack Kerouac in New York kennen, mit denen er die gesellschaftskritische, skandalumwobene „Beat Generation“ verkörperte. Als zeitgenössisch musikalisches Pendant gilt Chet Baker, der zwar als einer der größten Romantiker des Jazz verklärt wurde, aber ein von Drogenexzessen zerstörtes, ganz und gar nicht romantisches Leben führte.

 

Schwere Kost für den Jazz & Lyrik-Abend im Alten Wasserwerk? Absolut nicht, denn der Abend stellte quasi die perfekte Symbiose von Jazz und Lyrik dar und bewies, welche Schönheit zum einen und welcher Druck zum anderen von Wort und Musik ausgehen können. Tilman Thiemigs Rezitationen waren von einer phänomenalen lautmalerischen Intensität und bedienten sich aller Register des klassischen und neuen Theaters. Damit eröffneten sich dem Zuhörer Fantasieräume, die ihn Raum und Zeit vergessen ließen und mit Gedanken einer Zeit konfrontierten, die auch in einer Spaßgesellschaft aktuell sein könnten.

 

Auch der legendäre Chet Baker hat von seiner Faszinationskraft bis heute nichts verloren, und wie hochaktuell seine Musik und Song-Interpretationen noch immer sind, stellte „Chettin’3“ aus Braunschweig im Alten Wasserwerk unter Beweis. Es war spannend, Stück für Stück zu lauschen und zu erleben, wie es dem Trio gelang, der atmosphärischen Schönheit der Originale auch auf dieser Bühne Raum zu verschaffen. An der Chet Baker-typischen Aura von zarter Melancholie war naturgemäß Walter Kuhlgatz mit seinem lyrischen Ton auf Trompete und Flügelhorn sowie seiner verhaltenen Stimme verantwortlich. Elmar Vibrans und Heinrich Römisch boten ihm ein eingespieltes und sicheres Fundament und rundeten mit ihren meisterlichen Soli den Abend zu einem beeindruckenden Erlebnis ab.

 

Tilman Thiemig

 

Walter Kuhlgatz und Heinrich Römisch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Elmar Vibrans

 

 

 

Text und Fotos: Hans-Jürgen Niemann

 

 

 

 

 

»

Erste Pflanzenbörse des Algermissener Kulturbrunnen

Es grünt so grün.

 

“Wir möchten, dass ein jeder sein Leben durch Pflanzen bereichert und das Vereinigte Königreich zu einem grüneren und schöneren Ort macht”, heißt es auf der offiziellen Seite der diesjährigen Chelsea Flower Show, einer jährlichen Gartenschau, die seit 1913 von der Royal Horticultural Society in London veranstaltet und von 150.000 Menschen besucht wird. Neue Pflanzen werden vorgestellt und die Beliebtheit der bekannten Pflanzenarten wird neu belebt.

 

Die erste Pflanzenbörse des Algermissener Kulturbrunnen konnte und wollte da natürlich nicht mithalten. Aber ein Anfang ist gemacht. Und das Angebot an Pflanzen und Garten-Accessoires war überwältigend, sowohl von seiner Vielfalt als auch von seiner liebevollen und arbeitsintensiven Vorbereitung und Darbietung, nicht nur von Seiten der LandFrauen – Pflanzen, Marmelade, Salz- und Zuckermischungen, Essige und Öle, Seifen, Badesalze und Peelings, Kochbücher, Rankhilfen etc., eingebettet in einen wunderschönen frühlingshaften Sonnentag.

 

Vielleicht könnte es künftig um mehr als reine Gartenästhetik und Gaumenfreuden gehen: „Stadtbienen sichern Ernte im Alten Land“ lautete die Überschrift eines Artikels im „Hamburger Abendblatt“. Ein Weckruf? – Jedenfalls plant der Algermissener Kulturbrunnen die Fortsetzung der Pflanzenbörsenreihe auch im nächsten Jahr.

 

                                     

 

 

Text und Fotos: Hans-Jürgen Niemann

 

»

„Squish“ verzauberte sein Publikum

 

Nicht nur, dass das Alte Wasserwerk beim Folkkonzert der hannoverschen Szeneband „Squish“ am St. Patrick’s Day aus den Nähten zu platzen drohte. Nach Angaben der Vorverkaufsstellen war das Publikumsinteresse im Vorfeld so groß, dass es für drei ausverkaufte Konzerte locker hätte reichen können. Die Irish Folk-Szene erfreut sich wachsender Beliebtheit, und mit der Einladung von „Squish“ landete der Kulturbrunnen einen regelrechten Glückstreffer: Astrid Heldmaier, Michael Möllers, Reiner Köhler und Tönnies Suits bereichern seit Jahren die hannoversche Folk-Szene und boten nun auch im Alten Wasserwerk ein grandioses Konzert.

 

„Squish“ zeigte sich toppräsent und fesselnd vom ersten Ton an. So erreichten die glücklichen Besitzer einer Eintrittskarte aus dem Stand Betriebstemperatur, denn keiner im Publikum vermochte sich der überschäumenden Energie der Jigs, Reels, Polkas und Hornpipes länger als einen Wimpernschlag zu entziehen. Die Performance der Band kam völlig unangestrengt, passgenau und traumwandlerisch herüber, sowohl im hochvirtuosen Unisonospiel der Melodie-Instrumente als auch in den vielfältigen Rhythmen und exzellenten Akzentuierungen von Gitarre und Bodhrán. Doch die irische Seele ist in gleicher Weise feinsinnig und gemütvoll, was besonders die Interpretation von Loreena McKennitts Liebeslied auf Irland, „Come by the Hills“, eindrucksvoll bewies. In anrührender und poetischer Weise schildert es die landschaftlichen Schönheiten der Grünen Insel und lässt jede Strophe mit einem lebensphilosophischen Ansatz enden: „And cares of tomorrow must wait till this day is done“ – die Sorgen von morgen müssen warten, bis dieser Tag gelebt ist.

 

Und das galt allemal für die Dauer dieses hinreißenden Konzerts.

 

 

 Text und Fotos: Hans-Jürgen Niemann

 

 

 

 

 

 

 

 

 

»

“Yannik Nouveau, Niese & Timo Brülls” und das Duo „freiMinute“ im Alten Wasserwerk

Der erste Set des Konzerts hatte etwas Sessionhaftes. Aber man war ja schließlich „unter Freunden“, wie es William Niese formulierte, und so herrschte auch Wohlwollen im gut besetzten Wasserwerk, wenn es im Zusammenspiel des Trios einmal nicht harmonierte. Mit Yannik Nouveau, Niese und Timo Brülls hatten sich unterschiedliche musikalische Charaktere zusammengefunden, was sich für ein eher spontanes Zusammenwirken nicht immer als hilfreich erweist. Es bleiben also die nicht minder wichtigen individuellen Stärken der Musiker: hier geriet das hochvirtuose, bravourös akzentuierte RAV Drum-Solo unter den Händen von Timo Brülls zum Highlight, denn genau hier entstand jener musikalische „Flow“, der sich auf das Publikum übertrug, hier führten interessante dynamische Entwicklungen zum Musikerlebnis. Auch Yannik Nouveau sorgte mit seinen bewegenden Songtexten, seiner charakteristischen Stimme und Intensität wiederholt für Begeisterung im Saal.

 

„Musik ist einfach alles im Leben“, dieser philosophische Ansatz der Sängerin Arwen Schweitzer und des Gitarristen Vitalij Engbrecht scheint ihrem Lebensgefühl überzeugend zugrunde zu liegen, was im Übrigen auch der hervorragende musikalische Eindruck unterstreicht, den sie beim Publikum im zweiten Set des Abends hinterlassen haben. Das Duo entstammt der mehrköpfigen Band „freiMinute“. Arrangements größerer Besetzungen einem Duo mit nur einem Begleitinstrument anzupassen, gehört zu den eher schwierigeren Herausforderungen und setzt Versiertheit beim Instrumentalisten voraus.

 

Vitalij Engbrecht erwies sich als Meister der Gitarre und dem großartigen Gesang Arwen Schweitzers ebenbürtig. Die Bandbreite seiner Gitarrenbegleitung schien unerschöpflich, ob perkussiv oder dem Harfenklang Andreas Vollenweiders ähnelnd, ob per Fingerpicking oder Tapping, ob mit Flageoletttönen oder erweiterter Harmonik angereichert. Immer in Bewegung und immer im Blickkontakt mit Arwen Schweitzer, deren Gesang stimmgewaltig, charmant und natürlich ist. Das Vibrato setzt sie gezielt und angenehm unaufdringlich ein. Ihr warmes Timbre bewältigt mühelos Höhen und Tiefen, geht souverän mit Registerwechseln um. Ihre Vitalij gewidmete Komposition „Vogelfrei“ scheint mit dem  Wechsel zwischen 3/4+5/4 Takt und Walking Bass symptomatisch für die Klasse der Songs von „freiMinute“ zu sein.

 

 

Yannik Nouveau, Timo Brülls und Niese

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

“freiminute” / Arwen Schweitzer und Vitalij Engbrecht

 

 

Text und Fotos: Hans-Jürgen Niemann

 

 

 

 

 

 

»

“Trio REMEMBER” verzaubert sein Publikum im Alten Wasserwerk

Es muss nicht immer Action sein…

 

Das Konzert „Trio REMEMBERs“ verlief, wie Feten – heute Parties – in den 60er/70er-Jahren zumeist endeten: man hatte sich musikalisch-tänzerisch ausgepowert und gab sich, wenn der Morgen graute, einem beschaulicheren Lebensgefühl hin – die Hard Rocker mal ausgenommen. Bisweilen befand sich in jener Zeit ein mehr oder weniger langhaariger Barde unter den Gästen, der zufällig seine Gitarre dabei hatte und für ein sentimentales Finale des Zusammenseins sorgte.

 

“Trio REMEMBER” hebt mit seinen Songs die helle Seite einer verworrenen Zeit hervor – zweier Dekaden mit Doris Day, Rock Hudson, Frank Sinatra oder den Bee Gees auf der einen, mit Vietnam-Krieg, Rassenproblemen oder Protestsongs nicht nur beim Woodstock-Festival auf der anderen Seite.

 

„Dieser Song ist wie ein Gebet“, so empfand wohl nicht nur John Denvers erste Frau Annie Martell das ihr 1974 gewidmete Lied „Annie’s Song (You Fill Up My Senses)“ aus der Feder ihres Mannes. Es symbolisierte auch das Programm von „Trio REMEMBER“ im Alten Wasserwerk. Charlott Krüger, Rainer Fricke und Stefan Trhal ließen mit ihrer musikalischen Perfektion, ihrer angenehmen Zurückgelehntheit und stilsicheren Anmoderationen den Funken schnell überspringen. Auch sonst passte alles: das Ambiente, das Publikum, die Stimmung. „Morning of my Life“: so mancher konnte dem Morgen seines Lebens beflügelt nachsinnen, das war deutlich zu spüren. Und irgendwann steigerte sich das heimliche Mitsummen und –brummen im Konzertraum zum beseelten Liedgesang, ob bei „Aux Champs Elysées“ von Joe Dassin oder „Country Roads“ von John Denver – und hier schließt sich der Kreis.

 

 

Text und Fotos: Hans-Jürgen Niemann

 

 

 

»

Das Geheimnis in der Spendenbox im REWE-Markt ist gelüftet:

Robin Rudat übergab dem Kulturbrunnen 1.363,28 € Spendengelder

 

Das Interesse von Wirtschaft und Handel an einer lebendigen Kulturszene ist von guter alter Tradition. Ansonsten gäbe es vieles nicht, und die Welt wäre um manche kulturelle Veranstaltung und um manche Institution ärmer. Die Spendenbereitschaft des Bürgers ist nicht minder von Bedeutung, wie man an dem stolzen Betrag von gut 1.363 € festmachen kann, der sich im REWE-Markt innerhalb eines Jahres für den Algermissener Kulturbrunnen angesammelt hat. Vor der Leerung und Auszählung der Spendenbox durch Robin Rudat, dem Partnerkaufmann und geschäftsführenden Gesellschafter der Handelskette, konnten REWE-Kunden per Kärtchen eine Schätzung des zu erwartenden Geldbetrags abgeben – es winkten drei Preise von Seiten des Kulturbrunnen. Mit 1.342 € lag der spätere Gewinner nur 21 € vom Ergebnis entfernt.

 

Wer liegt bei der Schätzung am nächsten???

 

 

Bekannte Gesichter

 

Text und Fotos: Hans-Jürgen Niemann

 

 

 

»

Ein Konzert der Superlative im Alten Wasserwerk: Djangos Friends aus Braunschweig boten hochkarätigen Gypsy-Swing

 

Am Anfang des zweiten Sets kam der unabdingbar ultimative Befreiungsschlag. Es hielt mehrere KonzertbesucherInnen nicht mehr auf den Sitzen. Sie nutzten den knappen Raum hinter der letzten Stuhlreihe im gut besetzten Wasserwerk, um ihre Gemütslage endlich auch tänzerisch ausleben zu können. „Djangos Friends’“ phänomenaler Gypsy-Swing hatte Wirkung gezeigt und Besitz von Körper und Geist ergriffen. Keine Warm-up-Phase, sondern toppräsent und fesselnd vom ersten Ton an.

 

Django Reinhardt, das lässige Drei-Finger-Genie, entwickelte auf Grund eines Unfalls, in dessen Folge nur noch drei Finger seiner linken Hand funktionierten, in den 40er-Jahren eine völlig neue und hochvirtuose Gitarren-Spieltechnik und steht für die Eigenständigkeit des frühen europäischen Jazzbewusstseins. So wie Amerika Louis Armstrong oder Charlie Parker hatte, so bewies Django Reinhardt, dass improvisierte Musik auch in der Alten Welt ihre Wurzeln haben konnte. Sein Musikstil stand unter dem Einfluss verschiedener Traditionen, wie der Walzer-Folklore der Musette, dem swingenden Beat der Dreißiger, der Sinti-Musik oder Flamenco-Elementen.

 

Django Reinhardts musikalische Virtuosität und Genialität zum elementaren Bestandteil seiner eigenen Musik zu machen, setzt eine perfekte Beherrschung der Gitarre voraus. Michael Kujawa hatte seine diesbezügliche Souveränität und sein großes Können bereits als erster Preisträger diverser internationaler Wettbewerbe unter Beweis gestellt. Im Alten Wasserwerk nun brannte er ein musikalisches Feuerwerk mit nahezu unerschöpflichen Ideen und Melodien ab, überaus virtuos und voll interessanter Klangeffekte. Carsten Giere unterstrich die Wichtigkeit der Rhythmusgitarre in einem solchen Kontext – immerhin ohne Schlagzeug – durch seine brillant gespielten Schlagmuster, ob filigran oder eher perkussiv. Heinrich Römisch am Kontrabass bereitete das perfekte Fundament, entlockte dem Publikum mit seinen virtuosen Soli wiederholt Begeisterungsstürme und unterstrich, dass er zu den Topbassisten Braunschweigs gehört.

 

Ein Abend der Superlative: super Musik, super Publikum, super Stimmung. Und wieder einmal ein Beispiel, dass sich Musiker, die in mancher Großstadt große Konzertsäle füllen, immer wieder auch den Weg auf die Kleinkunstbühne suchen und sich beeindruckt zeigen von einem Publikum, das ganz nahe ist und seiner Begeisterung in der Weise freien Lauf lässt wie beim Konzert von „Djangos Friends“ beim Algermissener Kulturbrunnen. Langanhaltender gegenseitiger Applaus.

 

Text und Fotos: Hans-Jürgen Niemann

 

 

»

Algermissener Kulturbrunnen e. V. gestaltet die Sendung Plattenkiste von NDR 1 Niedersachsen

Viel zu erzählen gab es in der Sendung „Plattenkiste” bei NDR 1 Niedersachsen.


Am 22. November zwischen 12 und 13 Uhr unterhielten sich Uwe Rosenkranz, Egbert Rösner und Hans-Jürgen Niemann mit Moderatorin Martina Gilica über die Arbeit des Vereins Algermissener Kulturbrunnen.

Seit fünf Jahren gibt es den Kulturbrunnen. Entstanden ist dies aus einer seit 37 bestehenden Männerkochgruppe, berichtet Uwe Rosenkranz. Als es immer enger wurde, kam Egbert Rösner auf die Idee, das seit 15 Jahren leer stehende Wasserwerk zu nutzen. Bis 1993 war dort die Wasserversorgung für Algermissen. Das ovale Gebäude musste umgebaut werden. Zwei Decken wurden eingezogen – alles mit Hilfe der Gemeinde und jeder Menge Eigenleistung. Mittlerweile hat sich das alles in Algermissen herumgesprochen – und neben dem Kochen findet noch viel mehr statt. Hans-Jürgen Niemann ist in Algermissen geboren. Er hat viele Jahre als Kulturschaffender in Braunschweig und Hannover gelebt, bevor er in seinen Geburtsort zurück ging. Er staunte über die Energie für den Verein – und trat ein. Am Anfang waren es nur 17 Mitglieder, heute sind es 70. Es macht allen viel Spaß, und auch die Künstler, die kommen, begeistern Vereinsmitglieder wie Gäste.

Uwe Rosenkranz ist in der Kochgruppe, auch wenn seine Frau gut kocht, schmunzelt er. Gekocht wird themenbezogen – einer kümmert sich um den jeweiligen Abend, macht die Einkäufe, bringt die Rezepte mit und informiert über alles. Uwe Rosenkranz erhält als einziger die Rezepte, die er dann am Abend präsentiert. Beim vorigen Treffen wurde afrikanisch gekocht, verantwortlich war Egbert Rösner. Ein Urlaub in Marokko inspirierte ihn zu Rezepten aus Kenia und dem Senegal mit Kichererbsen und Fisch. Im Moment sind 18 Leute in der Kochgruppe, aber nicht jeder kann zu jedem Termin, so dass sie meistens zu zwölft sind – und das passt gerade noch vom Raum her mit der Küche. Vor einiger Zeit haben die Köche Flüchtlinge eingeladen. Die erste Aktion waren Rezepte aus deren Ländern: Syrien und Afrika. Gemeinsam mit den Flüchtlingen gingen sie einkaufen. Auberginen wurden auf dem Gasherd direkt auf die Flamme gelegt – an dieses Ereignis erinnern sie sich. Am zweiten Abend boten die Köche den Flüchtlingen deutsche Küche an, mit Rücksicht auf religiöse Vorschriften – das machte auch allen Spaß. Ein weiteres Projekt ist, junge Leute mit dem Kochen vertraut zu machen, bevor sie “Hotel Mama” verlassen – das wird demnächst angeboten.

Im Kulturbrunnen ist auch sonst viel los: Diverse Ereignisse locken Besucher an. Präsentiert werden Konzerte, Diavorträge, Lesungen. Die Aufgabe des Vereins ist zu erreichen, dass die Künstler und Referenten eine gewisse Gage bekommen. In Algermissen kann man nicht 20 Euro Eintritt nehmen, erklärt Hans-Jürgen Niemann. Insofern darf die Gage nicht zu hoch sein. Durch seine Arbeit an der Städtischen Musikschule Braunschweig hat er viele Kontakte und spricht mit seinen Kollegen, die dann auch gern mal auftreten. Auch die Musikschule Hildesheim hilft dabei, Künstler zu vermitteln. Am kommenden Sonnabend ist ein Trio aus Braunschweig mit Jazz-Gipsy-Musik zu Gast, vor zwei Wochen gab es einen Liederabend. Abwechslung ist also garantiert. Mehr dazu steht auf der Seite www.algermissener-kulturbrunnen.de.

Von: NDR 1 Niedersachsen | Petra Stegmann | Tel.: 05 11-9 88-21 71.


v.l. Uwe Rosenkranz, Egbert Rösner, Martina Gilica und Hans-Jürgen Niemann


























Bild vom NDR, Fotograf nicht eindeutig. Bei Rückfragen bitte an den Systemadministrator wenden. Vielen Dank

»

Stimmungsvoller Liederabend im Alten Wasserwerk

Julia Schönleiter und Dietmar Gessner brillierten vor großem Publikum

 
Algermissen Dichtung und Wahrheit liegen manchmal weit auseinander. Das betrifft die mit Superlativen übersäte Werbung für Verbrauchsgüter ebenso wie Offerten im Kulturbereich. Das macht dem interessierten Konzertgänger die Entscheidung für oder gegen einen Konzertbesuch nicht unbedingt leichter. Diejenigen allerdings, die sich zum Liederabend von Julia Schönleiter und Dietmar Gessner auf den Weg ins Alte Wasserwerk gemacht hatten, erfuhren dort ein Live-Erlebnis, das wohl die meisten Erwartungen übertraf.
 
Der rote Faden des Abends: „Ohne Musik ist alles nix“. Er war spürbar vom ersten bis zum letzten Ton. Über die exzellente Performance der Künstler hinaus unterstrich das Konzert auch die Bedeutung programmatischer Texte, also die gekonnte Verschmelzung von Musik und Lyrik. Texte etwa, die eigene Gedanken, Gefühle und Sehsüchte kunstvoller formulieren, als man es selbst vermag – „Wenn all das, was vor dir liegt auf einmal ‘nen Sinn ergibt, dann scheint durch die Dunkelheit am Ende das Licht“, aus dem Lied „Du bist das Licht“. Sozialkritisch: „The Town I Loved So Well“, ein Song des Iren Phil Coulter aus dem Jahr 1973, der sich mit dem Nordirland-Konflikt auseinandersetzt und zunächst das einfache, aber glückliche Leben in den Arbeitervierteln von Derry beschreibt, jener Stadt, die, wie die letzten Strophen dann dramatisch beschreiben, durch den blutigen Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken in die Knie gezwungen wurde – „To see how a town could be brought to its knees“.
 
Julia Schönleiter beherrscht die diversen Genres und Stimmlagen gleichermaßen brillant, beeindruckt darüber hinaus mit stimmlicher Wandlungs- und Anpassungsfähigkeit, der sie sich u.a. bei Édith Piafs „La Vie en Rose“ oder bei „Red ist the Rose“ mit einem an Joan Baez erinnernden Timbre bedient. Als angenehm unaufgeregter und professioneller Begleiter wies sich Dietmar Gessner aus, engagiert und perfekt im Zusammenspiel, seinem Gitarrenklang stets nachsinnend. Zur positiven Bilanz eines großartigen Liederabends passte dann am Ende die Zeile „Good night and joy be to you all“ aus Ed Sheerans Song „The Parting Glass“, ebenfalls eine Art „Ode an die Freude“.
 
 
Text Hans-Jürgen Niemann | Fotos Thorsten Schröter
 
 

»

Ein Abend introvertierter und extrovertierter Intensität:

GOD-Events präsentiert ein dreiteiliges Event im Alten Wasserwerk


William Niese ist mit seiner Agentur „GOD-Events“ im Raum Hildesheim zu einer wichtigen Institution im Konzertwesen geworden. Auch die Zusammenarbeit zwischen dem Kulturbrunnen und ihm führte bereits zu zahlreichen interessanten Veranstaltungen.

Die junge Sängerin und Pianisten Nina Luttmann, Preisträgerin beim diesjährigen „Hört! Hört!“-Finale in Hildesheim, eröffnete den Abend mit Kompositionen aus eigener Feder. Mit Texten und Melodien, die alles andere als flach sind. Die natürlich (im wahrsten Sinne des Wortes) von Liebe handeln – „I’m afraid of love“ – , aber mit derselben Selbstverständlichkeit Gesellschaftsprobleme fokussieren – „No one loves to see what humans do to humans“. Tiefsinnig, nachdenklich, bei englischen Texten bisweilen an einen weiblichen Neil Young erinnernd. Ein Wechsel zwischen Harmonie und Disharmonie auch in ihrer Klavierbegleitung – das passt. Das allmähliche Einschleifen auf die genaue Intonation bei längeren Vokalen oder beim schwierigen Wechsel von Brust- auf Kopfstimme erinnert bisweilen an den Britpop der 90er.

Es folgte „Sst – Ein Tanzstück!“ aus dem Bereich Theater und Tanz. Die Darstellerin, Pia Kröll, studiert derzeit Theater, Tanz, Performance und Literatur an der Universität Hildesheim. Auf einem Stuhl sitzend, Wassergurgeln im Hintergrund, scheinen sich ihre Gliedmaßen zu verselbständigen. Die Akteurin hat Mühe sie zu kontrollieren, scheint unangenehm Berührendes abwehren zu müssen. Es folgt eine Phase der Ruhe, dann erwecken auf Stativen stehende Lautsprecher – Wesen – ihre Neugier. Sie fühlt sich hingezogen, begehrt Aufmerksamkeit. Doch ihre Bemühungen scheinen vergeblich: Wut, Zerstörung. Ruhe, irgendwann „Luna“; überirdisch. – Großer Applaus für eine eindrucksvolle Performance.

Der dritte Act: R.A.N.. Dahinter verbirgt sich der Hildesheimer Songwriter Ralf Neite. An seiner Seite: Juliane Steinmann – Gesang, Bratsche und Melodica. Der Abend im Alten Wasserwerk wird nun noch intensiver und lauter – nur akustisch, und niemals unangenehm. Etwa so wie bei Richie Havens’ „Freedom“ in Woodstock, der seine Botschaft mit beeindruckender Authentizität aber alles andere als leise herüberbringt. Manchmal geht es eben nicht leise. R.A.N. im Wasserwerk: sozialkritische Texte, perkussive Gesangsmomente wie bei Grönemeyer, offene Gitarrenakkorde als wunderbarer Kontrast zum reinen Dur-Moll, leidenschaftlich, beseelt und voller Poesie, garniert mit einfühlsamer instrumentaler und gesanglicher Begleitung von Juliana Steinmann.

Text und Bilder: Hans-Jürgen Niemann

Nina Luttmann



Pia Kröll



Juliane Steinmann und Ralf Neite




»